Luise Richter, geboren 1920, Mag. pharm., Apothekerin im Ruhestand, geschieden, Mutter von drei Kindern, Großmutter von fünf Enkelkindern. Sie hat die nationalsozialistische Ära und den zweiten Weltkrieg sowie die Nachkriegszeit in Österreich erlebt.

Aufgewachsen mit elf Geschwistern auf einem Herrenbauernhof in einem kleinen Dorf zog sie zum Studium nach Wien, wo sie die nächsten zwei Jahrzehnte blieb, bevor sie nach ihrer Scheidung die Leitung der Apotheke in einer Kleinstadt im Waldviertel übernahm. Seit ihrer Pensionierung lebt sie dort in ihrem Reihenhaus mit ihrem Garten, dem sie sich mit Freude und Hingabe widmet.

Als Großmutter schreibt Luise Richter, um die Erinnerung in den Dienst der Gegenwart und Zukunft zu stellen.


Verstehen kann man das Leben rückwärts,
leben muß man es aber vorwärts.
(Søren Kierkegaard)
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Luise Richter

Herz, o Herz! Nie wieder Krieg!
Kurzgeschichten

Erschienen im Oktober 2008 bei Books on Demand, Norderstedt (Bod).
124 Seiten, Paperback, Preis: € 9.00
ISBN: 9783837067958

Erhältlich über den Buchhandel und im online Buchversand z.B. bei Libri.de, Buecher.de, Amazon.de, Buch.de, Bod.de und anderen.

Leseproben: Die erste Version (aus dem ersten Kapitel) gibt es noch hier bei Libri.de sowie auf dieser Seite hier. Die Leseprobe aus dem zweiten Kapitel, hier auf dieser Seite, ebenso bei BoD.de, wird demnächst auch bei Libri die bisherige aus dem ersten Kapitel ersetzen. Daraus ist zwar nichts geworden, aber dafür kann man bei Libri.de über den "Blick ins Buch" ziemlich viel (30 Seiten, soweit mein bisheriger Eindruck reicht) drin lesen, wenn auch nach jeweils 8 Seiten 2 nicht einsehbar sind. Viel Freude beim Lesen von beiden auf dieser Seite!

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Luise Richter

Empfänger vermißt
Eine wahre Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg,
zusammengestellt im Jahre 1989
aus Erinnerungen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen

Band 1 der autobiographischen Reihe „Korngoldleuchten"
Herausgegeben von Peter Christoph Lobner

Erschienen im November 2008 bei Books on Demand, Norderstedt (BoD).
208 Seiten, Paperback, Preis: € 12.00
ISBN: 9783837068443

Bereits erhältlich über den Buchhandel und im online Buchversand z.B. bei Libri.de, Buecher.de, Buch.de, demnächst auch bei Amazon.de und anderen; ebenfalls bereits leiferbar bei Bod.de!

Leseprobe: Findet sich hier auf der Seite, ist länger als die bei BoD.de und bei Libri.de und hat das entsprechende Foto aus dem Buch dabei. Bei Libri.de gibt es inzwischen auch den "Blick ins Buch" wo man sich einen umfassenden Eindruck des Inhalts verschaffen kann, genauer gesagt, mit der Unterbrechung von 2 nicht einsehbaren Seiten nach je 8 einsehbaren eine schöne Strecke online lesen.
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Luise Richter

Wie in einem Schundroman
Band 2 der autobiographischen Reihe
„Korngoldleuchten
"

Books on Demand, Norderstedt. In Vorbereitung
ca. 120 Seiten; Preis: ca. € 8.00
ISBN: 9783837070125

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Luise Richter

Absturzgefahr gebannt
Band 3 der autobiographischen
Reihe
„Korngoldleuchten
"

Books on Demand, Norderstedt. In Vorbereitung
ca. 100 Seiten; Preis: ca. € 8.00
ISBN: 9783837070132

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30.10.08

Leseprobe 1 aus „Herz, o Herz! Nie wieder Krieg!" von Luise Richter


Aus Kapitel 1:
Herz, o Herz!
Auszug aus der Kurzgeschichte: „Du hast mir so gefehlt!"

Sie saßen in einer gemütlichen Konditorei bei Kuchen und Kaffee. Jene Dame, die am ersten Abend in der Pension während des Essens der Meinung war, sie müßte Renate vor dem gräflichen Ehemann beziehungsweise diesen vor Renate schützen, kam mit einer Gefährtin herein ins Lokal. Sie bemerkte Renate und ihren Begleiter und ließ es sich sichtlich anmerken, daß sie entsetzt war, beide gemeinsam hier zu treffen. Was sie dachte, war sonnenklar. „Ach, wenn sie nur wüßte, wie schön, wie harmonisch und - wie harmlos - alles war und weiterhin sein wird, sie würde es kaum fassen", dachte Renate und nickte ihr freundlich zu.

Am Abend gingen sie noch mitsammen ins Kino. Nach der Vorstellung fragte er sie, ob er sie nach Hause begleiten dürfte. Renate lehnte ab. Ein wenig zu schroff, sie spürte es deutlich. Irgendwie war sie ängstlich. Erst die Nähe im Kino und dann der finstere Nachhauseweg zu zweit, nein, das wäre ihr im Augenblick zuviel geworden. Sie ging lieber allein und nahm den langen Umweg auf der beleuchteten Straße.

Während der folgenden drei Tage sah sie ihn nirgends. Nicht im Kurpark stolzen Hauptes einherschreitend – sie erkannte ihn stets an seinem Gang und an seiner Haltung schon von weitem – nicht in der Kurhalle, nicht auf der Straße und nicht auf ihren Wanderungen, die sie mit ihrer Zimmerkollegin unternahm. Am vierten Tag endlich, als sie oberhalb des Ortes allein auf einem engen Steig in Gedanken versunken so vor sich hinging, kam er ihr plötzlich entgegen, in Gesellschaft eines jungen Mannes. Sie begrüßten sich freundlich, auch ein wenig verhalten freudig, und er stellte ihr seinen Begleiter, Herrn K., vor. Dann lud er sie ein, mit ihnen gemeinsam weiterzuwandern. Dieser junge Mann bekundete durch sein Verhalten deutliches Interesse an Renate. Doch ihr war das nicht angenehm. Er machte keinen Eindruck auf sie. Im Gegenteil, seine Anwesenheit störte sie.

Als sie, der Graf und Renate, dann endlich allein waren, sagte er, „Sie haben meine Frage, Sie heimbegleiten zu dürfen, kürzlich nach dem Kino, sehr schroff zurückgewiesen. So dachte ich, es wäre an der Zeit, Ihnen ein wenig aus dem Weg zu gehen. Da ich sie aber nun tatsächlich drei Tage nicht zu Gesicht bekam, wurde mir bang und ich machte mir beinahe ein wenig Sorgen um Sie. Haben Sie für morgen am Abend schon etwas vor? Wenn es Ihnen recht ist, würde ich Sie gerne in ein Gasthaus einladen, zum Abendessen. Ich habe ein sehr nettes entdeckt."

Sie gingen essen und sie tranken Wein. Als sie sich auf den Heimweg machten, regnete es. Er nahm sie unter seinen Schirm. Dann führte der Weg über eine nasse, pfützenreiche Wiese. Er trug sie hinüber auf die andere Seite, in seinen Armen. Wollte er sie vor dem Schmutz schützen oder wollte er sie in seinen Armen halten? Renate wußte es nicht. Aber sie glaubte an beides. Sie fühlte sich glücklich in seiner Nähe. Vor ihrem Hotel angekommen bemerkte sie, daß sie den Hotelschlüssel in ihrem Zimmer vergessen hatte. Nach zweiundzwanzig Uhr war niemand mehr an der Rezeption, und das Tor war zugesperrt. Da sie aber im Parterre wohnte, in einem Zweibettzimmer mit einer angenehmen, netten Kurkollegin und da sie sah, daß im Zimmer noch Licht brannte, wollte sie durchs Fenster einsteigen. Sie klopfte an und begehrte Einlaß. Die Zimmerkollegin erschrak nicht. Sie erkannte sofort Renates Stimme. Sie öffnete das Fenster, und der Graf stellte sich an, Renate die Räuberleiter zu machen, denn es war gut zwei Meter Mauerhöhe zu überwinden. Alles ging gut. Mit seiner Hilfe war sie glücklich zur späten Stunde in ihrem Zimmer gelandet. Beide, Renate und ihr Helfer, freuten sich über das gelungene Abenteuer wie zwei kleine Kinder.

Sie wußte es schon lange. Aber an jenem Abend spürte sie es deutlich, daß sie verliebt ineinander waren. Sie hatte sich ohnehin schon rettungslos an ihn verloren. Wie es um ihn stand, wußte sie nicht so genau. Denn er war achtzehn Jahre älter als sie, daher gesetzter, vernünftiger und vor allem, er hatte zuhause eine Familie, mit der er sehr verbunden war. Sie aber wußte, daß sie sich, wenn die Tage hier gezählt sein würden, wieder in ihrer trostlosen Herzenseinsamkeit zurechtzufinden hatte. Das betrübte sie zwar, aber trotz allem war sie froh über die so wunderbar beschwingte Glückseligkeit, die zur Zeit ihr Herz erfüllte. Dachte sie doch schon, daß damals im Kessel von Stalingrad nicht nur der geliebte Mensch, mit dem sie aufs Innigste verbunden war, sondern ihre ganze Liebesfähigkeit zugrundegegangen wäre. Seit damals war ihr es niemals mehr gelungen, sich wenigstens in ihren Gedanken und Gefühlen und mit ihren Wünschen an einen Menschen ganz zu verlieren.


Leseprobe 2 aus „Herz, o Herz! Nie wieder Krieg!" von Luise Richter


Aus Kapitel 2: Nie wieder Krieg!
Auszug aus der Kurzgeschichte:
In Angst und Schrecken

Wir kamen aus unseren Kleidern wochenlang nicht heraus. So wie wir bei Tag zur Arbeit angezogen waren, legten wir uns am Abend wieder zur Ruhe, konnten uns bestenfalls abends Hände und Gesicht waschen. Zusätzlich zu all dieser Ungepflegtheit machte ich mir immer wieder die dunklen Haare mit Mehl grau und mein Gesicht mit Erde schmutzig, um meine häßliche Gesamterscheinung noch besser zu unterstreichen. Das Kopftuch, meistens weit in die Stirne bis zu den bebrillten Augen hereingezogen, tat sein Übriges. So also war ich anfangs auch bei dieser Arbeit ein Anblick des Grauens. Und zur Sicherheit machte ich kaum einen Schritt allein irgendwohin, sondern ich erkor mir einen weitaus älteren, aber sehr verständnisvollen Partner, einen Dorfnachbarn, der ebenfalls zu dieser Fronarbeit verurteilt worden war. An seiner Seite fühlte ich mich sicher. Stets benahm ich mich vor den Russen so, als würde ich zu ihm gehören, als wären wir ein Ehepaar. Besonders in den Nächten, wenn es unruhig wurde, hängte ich mich an ihn, kroch förmlich in ihn hinein - es wird ihm wahrscheinlich nicht immer angenehm gewesen sein -, auf daß er mich beschütze. Wir waren eine Schar von Mädchen und Frauen und hatten eine Zeitlang nur diesen einzigen männlichen Beschützer in unserem Gefolge. Bei Tag während der Arbeit bestand nun eigentlich keine Gefahr mehr, verschleppt zu werden. Aber die Nächte waren nicht ungefährlich.

Einmal geschah es, daß ein mutiger, unverschämter ‚Oberrusse’ uns - wir waren schon im Einschlafen begriffen - seinen Besuch abstattete. Er trat einfach in unser Lager ein und stellte sich befehlend hin mit den Worten: „Brauche Frau!“ Und er beäugte eine nach der anderen in der herrschenden nächtlichen Dunkelheit mit einer überhellen Taschenlampe. Ich war häßlich genug, sodaß er seinen Blick von mir mit Grauen abwendete. Zudem schmiegte ich mich an meinen Beschützer, verkrallte mich sozusagen in ihm und zitterte trotz allem vor Angst. Da hörte ich plötzlich, daß eine meiner jungen Lagergenossinnen zu ihrer Nachbarin sagte: „Geh Weti, so geh halt du, dir macht dös sowieso net so vül aus, du bist äs eh schon gwähnt.“ Und siehe da, schon erhob sich die Angesprochene von ihrem Lager, meldete sich also freiwillig und verschwand mit dem Russen. So waren wir, die anderen, gerettet und konnten uns ruhig dem Schlummer hingeben.

Zu dieser Zeit war das Wetter halbwegs günstig, doch das war nur vorübergehend. Bald wurde es immer kälter und sehr regnerisch. Auch etwas Schnee war gefallen. Wir standen im nassen Erdreich und schaufelten fleißig. Unser Schuhwerk war meist völlig durchnäßt. Eines Tages bekam ich heftige Bauchkrämpfe. Diese wurden - da ich eben zu allem Überfluß im kalten Wasser stehen mußte - nach und nach immer unerträglicher. Ich wollte nach Hause gehen, um die Schuhe und die nasse Kleidung zu wechseln und mich wärmer und regensicher anzuziehen. Unsere Arbeitsstätte war eine gute halbe Stunde von meinem Heimatdorf entfernt. Die Krämpfe waren nun schon so stark geworden, daß mir zeitweise ganz übel wurde. Ich benötigte dringend ein schmerzstillendes Pulver. So erklärte ich meinen Wunsch und mein Vorhaben dem Aufsichtsrussen. In spätestens zwei Stunden wäre ich wieder zurück, fügte ich hinzu mit flehendem Blick und gramverzerrtem Gesichtsausdruck. Doch er wollte es mir erst nicht gestatten und sagte: „Du gehen, ich schießen!“ „Bitte, dann schieß, schieß nur!“ schrie ich ihm entgegen. Daß dies für mich besser wäre, als hierzubleiben und vor Schmerzen umzufallen, war meine feste Überzeugung. Man lebte damals ohnehin nur von einer Stunde auf die andere und man empfand die Situation dieses ‚Vogelfreiseins’ als hoffnungslos, ausweglos, überaus belastend und konnte an die Wiederkehr eines normal verlaufenden Lebens in Freiheit und Würde gar nicht recht glauben. Nun, unser Aufseher war aber nicht nur einer von den siegreichen und befehlenden Russen, er war auch ein Mensch, verständnisvoll und gut. Er sah mir meine Not, meine Schmerzen und meine Verzweiflung an und erschoß mich nicht. Er ließ mich laufen.

Es ergab sich nach ungefähr vier Wochen unserer Grabarbeiten, daß unser Nachtlager in meinem Elternhaus aufgeschlagen werden sollte. Also wurden drei Räume mit Strohsäcken vollgestopft. Im vierten Raum am äußersten Ende der Zimmerflucht standen Betten, unsere Betten. So konnte ich des Nachts endlich wieder einmal zu Hause schlafen. Ich freute mich ungemein auf ein richtiges Bett und vor allem darauf, mich einmal wieder erfrischen zu können mit warmem Wasser und Seife, meine von Mehl, Schweiß und Schmutz verpappten Haare zu waschen, meine Wäsche und Kleidung zu wechseln. Voller Hochgenuß zog ich nach gründlicher Generalreinigung meines Körpers ein Nachthemd an und legte mich in mein frisch überzogenes Bett. Ich fühlte mich wie neugeboren und wähnte mich zugleich auch völlig frei von aller Gefahr. Wollte man nämlich ins Bettenzimmer gelangen, mußte man erst das Vorderhaus durchqueren, dann die drei Zimmer mit den Strohsäcken passieren, die für alle anderen Arbeitssklaven als Schlaflager dienten. Wer würde denn schon einen so weiten Weg bis hierher nehmen!

Während ich mich vor dem Einschlafen, vor Sauberkeit strotzend, diesem lange entbehrten schier seligen Lebensgefühl hingab, hörte ich mit einem Mal harte, feste Schritte näherkommen. Plötzlich stand auch schon ein Russe vor meinem Bett, das sich gleich neben der Zimmertür befand. Ehe ich mich’s versah, begann er mein Gesicht mit schmatzenden Küssen zu bedecken. Er roch nach Wodka. Ich schrie aus Leibeskräften, wehrte ihn ab und schlug ihm ins Gesicht. Ich wußte bisher gar nicht, daß ich so viel und so laut schreien konnte. Also schrie ich und schrie und drosch gleichzeitig auf diesen Kerl ein, so daß er schließlich seinen Rückzug antrat. Im Vorübergehen am Bett meiner vierzehnjährigen Schwester schlug er - aus Rache vermutlich - das arme junge Ding kräftig ins Gesicht und zog dann endgültig ab. Ich aber, total außer mir vor Empörung über alle die Unverschämtheiten und Demütigungen, sprang aus dem Bett, nahm den Besen, der neben dem Kasten im Zimmer lehnte. Wie eine Furie lief ich hinter ihm her durch alle drei Zimmer und durch das Vorhaus bis zur Haustüre, während ich immer fort mit dem Besen auf ihn einschlug und ihn ohne Unterlaß laut schreiend beschimpfte. Als er dann endgültig aus dem Haus verschwunden war, lief ich zu meinem Bett zurück. Ich war vor Wut hochrot im Gesicht und legte mich nun lautlos nieder. Ich zitterte am ganzen Körper, der Schrecken war mir in alle Glieder gefahren. Vor lauter lautem Schreien war ich vorübergehend sprachlos geworden.

Da sah ich unsere Nachbarin - sie war einige Jahre älter als ich - mich mit großen Augen wie ein Weltwunder anstarrend in ihrem Bett sitzen, das gegenüber von dem meinen stand. Und ich hörte sie staunend und verwundert zu mir sagen: „Wehren darf man sich, o mein Gott, das hab ich nicht gewußt!“ Ich fühlte mich immer noch nicht ganz meiner Sprache mächtig, doch dieser Einwand der lieben Nachbarin verschlug mir wahrscheinlich die Rede noch mehr. Ein mitleidiges Lächeln nur entrang sich meinen Lippen, womit ich meinem Unverständnis ihrem Ausspruch gegenüber Ausdruck verleihen wollte. Ist es nicht das Natürlichste von der Welt, sich seiner Haut zu wehren, wenn man angegriffen wird, wenn Gefahr droht, wenn einem Unrecht zugefügt wird? So dachte ich bei mir. Sie aber legte sich hin, verbarg ihren Kopf im Kissen und schluchzte herzzerreißend in die nun wiedergekehrte, aber bedrückende Stille dieser Nacht hinein.

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Leseprobe aus „Empfänger vermißt" von Luise Richter

Aus Kapitel 3: Die weiteren Briefe von Hans
Auszug: Vier der Briefe von Hans an Luise

1. 6. 42

Meine liebe Luise!

Wenngleich Du mein Frühlingserwachen ein wenig belächelst, will ich mich nochmals damit befassen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sich jeder von uns über den ersten grünen Grashalm, über das erste sprießende Blatt oder gar über die erste Blume freute. Wir konnten schon gar nicht mehr glauben, daß es auf diesem Stück Erde, wo alles verwüstet ist, und der Tod täglich sein Recht fordert, noch Leben geben kann und zwar so sorgloses Leben. Man könnte die Blumen nahezu beneiden, wenn sie selbst im heftigsten Feuer still und ruhig ihre Köpfe zur Sonne recken. - Die Vögel sind da schon in einer schlechteren Lage.

Zwei Tage hindurch habe ich hier einen Star beobachtet. Unglücklicherweise nahm er in einem Vogelhäuschen Wohnung, das sich auf einem unter starkem Beschuß stehenden Baum befand. Der Baum war schon ganz dürr, da ein Großteil der Zweige abgeschossen war. Mein lieber Star, der einzige in weitem Umkreis, wurde nun immer wieder in seiner Ruhe gestört und mußte vor den herumsausenden Kugeln fliehen. Trotzdem - er kehrte immer wieder zurück. Am liebsten hätte ich ihn gewarnt und gebeten, doch einen ruhigeren Ort aufzusuchen. Gestern geschah nun das Unglück. Ahnungslos vor seinem Hause sitzend, traf ihn die tödliche Kugel. Ich sah es zufällig und sagte zu mir: „Wieder einen Freund verloren."

In Deinem letzten Brief schriebst Du mir, Du wärest also kein so großer „Tugendengel", wie ich bisher glaubte. Warum habe ich das nicht früher gewußt! Das wäre damals in Wien ein Abschied geworden! Da hätte ich Dein so jähes Davonlaufen gewiß nicht zugelassen. Ich hätte Dich mit aller Kraft festgehalten in meinen Armen. Zu spät! So kann ich mir bestenfalls in ruhigen Minuten vorstellen, wie es gewesen wäre. Wir werden aber gewiß alles Versäumte nachholen, sobald ich wieder in Wien Einzug halte. Noch sind wir beide jung genug. Wollen wir hoffen, daß dieser Krieg bald ein gutes Ende finden möge.

Für die Nüsse herzlichen Dank! Trotz ihrer Härte wurden sie spielend geknackt. Du weißt ja, für einen deutschen Soldaten kann (darf!) eben keine Nuß zu hart sein.

In Liebe

Dein Hans


Starhaus (Pogoreloe Gorodiische, Mai 42. H.)
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9. Juni 42

Meine liebe Luise!

Schon werden meine Briefschulden immer größer und umfangreicher. Ich bin Dir unendlich dankbar, daß Du mir so fleißig schreibst und es tut mir leid, daß ich Dir nicht immer so viel antworten kann, wie ich gerne möchte.

Deine Schilderungen des Hochschullebens haben mich sehr interessiert. Auch freue ich mich, daß Dir das Studentenleben so gut gefällt. Sicherlich hast Du inzwischen auch Deine Prüfungen mit gutem Erfolg bestanden.

Ich bin Dir sehr dankbar für die Zeilen Deines Briefes, in denen Du gegen Leute sprichst, die Kriegsbeschädigte als nur noch halbe Menschen betrachten und sie womöglich auch ihren Ansichten entsprechend behandeln. Diese Soldaten, krank oder verstümmelt, wie sie durch den Krieg geworden sind, haben Unendliches gelitten. Jeder Mensch hätte die Pflicht, ihnen ihr Weiterleben auf jede nur mögliche Weise zu erleichtern. Man soll sie aber keinesfalls bedauern, sondern man soll ihnen helfen, daß sie bald wieder irgendeinen Platz in der Gesellschaft ausfüllen können, damit ihr Leben wieder lebenswert wird. Wenn Du Deine persönliche Ansicht recht vielen Menschen gegenüber zum Ausdruck bringen könntest, würdest Du bestimmt vielen Verwundeten große Dienste erweisen.

Die vergangenen Tage waren sehr hart. Oft fürchtete ich, daß unsere Kräfte nicht mehr reichen würden. Die Zahl der Granaten, die der Feind Tag und Nacht auf die Stellungen der Kompanie rechts von mir und auf die meine schickte, soll nach unseren Feststellungen 5000 betragen haben innerhalb von 24 Stunden. Was vorher war und jetzt noch ist, nicht eingerechnet. Als die Russen glaubten, sie hätten uns damit restlos zerschlagen, griffen sie an. Der Erfolg blieb ihnen aber versagt.

Leider verlor ich heute wieder einen guten Kameraden. Eine dieser schrecklichen Granaten hat ihn vollkommen verstümmelt. In solchen Augenblicken kann ein Brief von Dir viel helfen und heilen.

Luise, ich denke immerzu an Dich und ich hoffe und freue mich so sehr auf unser Wiedersehen.

Dein Hans

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16. 6. 42

Meine liebe Luise!

In aller Eile schreibe ich Dir nur ein paar Zeilen, damit Du weißt, daß bei mir soweit noch alles in Ordnung ist. Nur - es gibt jetzt viel „Beschäftigung" für uns. Sobald ich Zeit und Muße finde, schreibe ich Dir wieder mehr.

Ich warte mit großer Sehnsucht auf eine Nachricht von Dir

Dein Hans

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17. 6. 42

Meine liebe Luise!

Was glaubst Du wohl, welch wunderbaren Wunsch ich heute hatte, als ich Deinen Brief vom 5. 6. las, wirst Du es erraten? Ich wage es kaum zu sagen - oder doch? Erstens hätte ich wenigstens nur für einige Sekunden bei Dir sein wollen und zweitens hättest Du ganz stillhalten müssen, damit ich Dich drittens abbusseln hätte können! - So aber kann ich Dir nur brieflich meinen Dank sagen und Dich bitten, mir recht oft und immer wieder solche Briefe zu schreiben.

Gerade heute wieder empfand ich so richtig, welche Kraft und welchen Trost und wieviel Hoffnung mir Deine Zeilen geben können. Kurz bevor mich Dein Brief erreichte, war einer meiner treuesten und bravsten Landser gefallen. Er wurde schwer verwundet und starb nach einigen Minuten. Das letzte Wort, das über seine Lippen kam, war der Name seiner jungen Frau, die er erst vor kurzem geheiratet und über alles geliebt hatte. In solchen Augenblicken bin ich immer ganz verzweifelt. Da ist die Versuchung groß, mit dem Schicksal zu hadern. - Doch es hilft alles nichts, der Krieg geht weiter und nimmt keine Rücksicht auf das Leben von uns Menschen. Er läßt uns noch Übriggebliebenen keine Zeit, lange nachzudenken. Er fordert weiter unseren vollen Einsatz.

In der vergangenen Nacht griff der Russe erfolglos mit Panzern und Flugzeugen an. Seit heute Abend ist wieder etwas mehr Ruhe. Das heißt, vor einigen Minuten gondelten Flieger über die Stellung und warfen einige Bomben. Uns macht das „fast" nichts mehr aus. Man hört nur noch mit halbem Ohr hin und ärgert sich höchstens darüber, in seiner Ruhe gestört zu werden.

Mein Zugführer hat sich gut erholt und wird in kurzer Zeit wieder bei uns sein. Pferde wurden ebenfalls beschafft. Einer meiner Getreuen fing gestern zwei ein. Wir freuten uns über den gelungenen Fang. Doch leider waren sie am Morgen wieder verschwunden.

Luise, am liebsten würde ich jetzt schon ein Urlaubsprogramm aufstellen. Herrliche Vorschläge hätte ich schon. Die Fahrt in die Berge, die Du ebenso liebst wie ich, stünde natürlich gleich an erster Stelle. Lieber Gott, wär das schön!

Ich freue mich, daß Dir meine russischen Pflanzen soviel Freude machen. Ich hatte schon wieder einige vorbereitet, mußte sie aber infolge höherer Gewalt wegwerfen.

2 Uhr nachts ist es nun schon. Eben wird von oben höchste Alarmbereitschaft befohlen. Wie gern hätte ich jetzt ein wenig geschlafen.

Meine liebe Luise, immer bin ich in Gedanken bei Dir.

Dein Hans

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